Jimmy Somerville mit Robert Niedermeier in Berlin, 2015

Interview mit Popstar Jimmy Somerville anlässlich der Veröffentlichung seines Disco-Albums Homage im März 2015

Die Jugend neugierig auf Disco zu machen, das ist 2015 die Challenge, der sich Jimmy Somerville erfolgreich stellte: Der am 22. Juni 1961 in Schottland geborene James William „Jimmy“ Somerville feiert im Frühsommer 2021 seinen runden 60. Geburtstag. Der reife, freundliche Gentleman mit Bart war in den Achtziger Jahren ein weltberühmter Popstar, der musikalische Kopf und die unverwechselbare Falsett-Stimme der erfolgreichen Synthi-Pop-Band Bronski Beat und der souligen Popformation The Communards. Hits wie „Tell Me Why“ und „Dort Leave Me This Way“ sind Evergreens. Im Kinofilm „Pride“ ertönt nach über vier Jahrzehnten das nach wie vor hypermodern klingende „Smalltown-Boys“. Zum Release seines neuesten, sehr eleganten Disco-Albums „Homage“  traf Robert Niedermeier für Queer.de den Musiker am 3. März 2015 zum Interview in Berlin-Mitte im Leonardo Royal Hotel am Alexanderplatz. Sehr schön indes, der schüchterne, introvertiert wirkende Sänger ließ sich fürs Foto ein Lächeln entlocken.

Interview von Robert Niedermeier mit dem britischen Komponisten, Musiker und Sänger Jimmy Somerville im originalen Wortlaut – mehr als bloß Marketing!

Niedermeier: Das Letzte, was man von Somerville sah und hörte war dieses Viral gegangene You-Tube-Video, in dem du wie zufällig mit deinem Hund auftauchst und zusammen mit einem überrascht wirkenden Straßenmusiker „Smalltown Boys“ singst. War das Marketing?

Somerville: Halb und halb, der Musiker wusste, dass ich für ein Interview vor Ort sein werde. Er kannte wohl den Journalisten, er brannte darauf mit mir den Song zu singen, habe das gerne mitgemacht, aber ich kannte den Mann zuvor nicht. Das war sehr spontan. Überrascht wurde eigentlich ich.

Niedermeier: Du bist in etwa genauso alt wie Madonna, diese beklagte sich nach ihrem Sturz bei den letzten Brit Awards über Altersdiskriminierung, wie siehst du das?

Somerville: Es ist immer dasselbe. Im Speziellen für Frauen. Das Traurige ist, das Madonna  keine gewöhnliche Frau sein darf. Dasselbe bei Kylie Minogue, beide sind in einem sexualisierten Image gefangen. Madonna  spreizt in Videos noch immer ihre Beine bis hinterm Hals. Warum kann sie nicht einfach eine Sängerin sein? Womöglich weil Madonna gar keine Sängerin ist, erst recht keine großartige Sängerin, alles ist auf das Visuelle ausgerichtet. Es ist sicherlich schwierig für Frauen sich der Sexualisierung von Außen zu entziehen, es gibt aber Künstlerinnen, die das geschafft haben. Wenn man eine Sexmasche bis ins reife Alter durchzieht, nehmen die Leute zunehmend Anstoß daran.

Niedermeier: Etwas Ähnliches konnte man innerhalb der Schwulenszene zu deiner Person beobachten: Warum wird es älteren Künstlern zum Vorwurf gemacht, dass sie ihren Beruf ausüben?

Somerville: Ja, das ist verrückt. Dahinter verbirgt sich eine dumme, uninteressante Denkweise. Ich habe doch das Recht, weiterhin Musik zu machen, weil ich es gerne tun möchte. Ich habe die Freiheit dazu und es bleibt meine Entscheidung. Die Gay-Szene selbst ist ebenfalls sehr visualisiert und sexualisiert und auch Altersdiskriminierung kommt häufig vor: Wenn Schwule älter sind, werden sie bereits durch die Art wie die Szene sich gibt, regelrecht zum Verschwinden aufgefordert. Aber das Hauptproblem ist, dass immer mehr Lesben und Schwule offen in der Gesellschaft leben, diese aber sehr wenig Unterstützung aus der sehr jung orientierten Szene erfahren. Da fehlt es an Bewusstsein und solidarischen Strukturen. Da gibt es noch viel zu verbessern.

Date zum Interview mit Jimmy Somerville um 13.30 Uhr am 3. März 2015 im Leonardo Royal Hotel in Berlin unweit vom Alexanderplatz – ein Lächeln in vier Bildern…

Niedermeier: Zurück zur Musik: Disco war anfangs ein sehr schwules und schwarzes Pop-Phänomen, dann für den weißen Mittelstand kommerzialisiert, Bronski Beat kam nach Punk und Wave, klang viel moderner als Disco, was interessiert dich an dem Sound vor deiner Generation?

Somerville: Das war damals eine natürliche musikalische Entwicklung der Zeit. Bronski Beat waren Teil einer Explosion, einer im sexuellen und politischen Sinne revolutionären Ära. Das traf auf den Umstand, das elektronische Musik mehr und mehr als eigenes Genre akzeptiert wurde. Aber wir haben Blues und besonders Disco geliebt und in unsere neue Musik integriert. Mein neues Album ist eine Art Rückkehr zu der Musik, die ich als 15-jähriger Teenager verschlungen habe. Disco hat in mir ein musikalisches Erwachen ausgelöst.

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Niedermeier: Disco ist für Viele eine amüsante Partymusik, aber kein musikalisches Erwachen…

Somerville: Disco ist musikalisch viel mehr als Sisters Sledge und Village People. Ich liebe Boney M., aber Disco bedeutet weit mehr darüber hinaus. Wenn wir über Disco reden, müssen wir die Geschichte kennen, die mich ungemein interessiert. Auch Disco begann als wahnsinnig aufregende Periode. Ein Aufbegehren gegen Rassismus und Sexismus – für die Emanzipation afroamerikanischer Schwuler und Frauen. Im Gegenzug hat das weiße reaktionäre Amerika gegen einen freiheitlichen, rebellischen Ausdruck agitiert, den Disco verkörperte. Das ist kulturell sehr spannend.

„Alle Einflüsse, all die Musik, die ich seit meinen Teenagerjahren gehört habe, stecken in dieser Produktion. Wenn ich sie mir anhöre, fühle ich mich wie damals, als ich fünfzehn war und auf meinem Bett saß, eine neue Platte aus der Hülle zog, sie auf den Plattenspieler legte und dann tanzend durch mein Kinderzimmer sprang.“, so der Ex-Bronski-Beat- und The-Communards-Sänger.

Jimmy Somerville, März 2015

Niedermeier: Wirst du mit mit dem Disco-Album „Homage“ die jungen Konsumenten für den alten Sound erwärmen können?

Somerville: Vor allem mache ich Musik, um mich selbst auszudrücken, aber nicht für ein bestimmtes Publikum. Wenn die Leute das mögen, ist das natürlich gut. Das Album wurde komplett live eingespielt, keine Synthesizer, reine organische Musik, so wie zum Beginn der Disco-Musik, die ich als junger Typ gehört habe, mit klassischen Instrumenten. Fände es toll, wenn das junge Menschen von Heute neugierig auf Disco machen könnte.

Niedermeier: Obwohl „Homage“ kein elektronisches Album ist, klingt es futuristisch. Hat dich der Sound von Giorgio Moroder beeinflusst? 

Somerville: Ja, sehr viele Elemente sind vom Briten Pete Bellotte und dem Italiener Giorgio Moroder geprägt. Dass meine Diskomusik sehr europäisch klingt, mag wohl daran liegen, dass ich ein weißer Angelsachse bin. Aber ich bin mir bewusst, so wie Moroder,  wo die Disco tatsächlich verwurzelt ist.

Niedermeier: Deine Sprechstimme klingt eher tief, ist es nicht anstrengend, so hoch zu singen wie du das tust?

Somerville: Nein, das liegt daran, dass meine Singstimme im Counter-Tenor-Bereich liegt, beim Singen ist das für mich also ganz natürlich, das strengt mich nicht an. Ein Counter-Tenor kann auch problemlos in tiefere Stimmlagen wechseln. Das hat die Natur so eingerichtet.

Niedermeier: Ich treffe gleich die neue „Ikone der Toleranz“ – Conchita Wurst, besitzt sie tatsächlich eine politische Relevanz?

Single „Back to Me“ vom Jimmy Somerville-Album „Homage“ auf YouTube zum Hören

Somerville: Oh ja, sie ist sehr wichtig. Sie hat denn Mumm zu sagen: Nein, ich pass mich nicht an, sondern mache mein Ding. Conchita macht deutlich, dass es „Normal“ im echten Leben nicht gibt. Ihre Botschaft ist eindeutig: Nehmt mich so wie ich bin, ansonsten: Fuck off. Das verleiht ihr eine Natürlichkeit. Das ist authentisch und großartig.

Niedermeier: Trägst du als Promi eine Verantwortung für die queere Bürgerrechtsbewegung?

Somerville: Nein, ich bin nur mir gegenüber selbst verantwortlich, dazu gehört, dass ich versuche, aufrichtig zu sein.

Niedermeier: Ist Jimmy Somerville ein reicher Mann?

Somerville: Ich bin zufrieden, muss nicht darüber nachdenken wie ich mein Leben finanziere, das ist sehr komfortabel. Ich habe immer genug zu essen und eine Wohnung in Brighton und London. Gehöre mitnichten zu den Superreichen und ich pflege eher einen sehr gewöhnlichen Lebensstil, ich brauch nicht soviel und war noch nie eine verschwenderische Person. Arbeiten muss ich für mein Inneres, ich würde durchdrehen, wenn ich keine Musik mehr machen dürfte.

Ende.

Pressetext aus dem Jahre 2015 fürs Album „Hommage“ von Jimmy Somerville

JIMMY SOMERVILLE: "HOMAGE"
produced by John Winfield
VÖ: 06.03.2015
Format: Vinyl/ CD und digital
Plattenfirma: Membran Media GmbH
LC-Code: 29284     CD: 233892
JIMMY SOMERVILLE: „HOMAGE“
produced by John Winfield
VÖ: 06.03.2015
Format: Vinyl/ CD und digital
Plattenfirma: Membran Media GmbH
LC-Code: 29284     CD: 233892

“Ich habe eine riesige Discokugel im Kopf und sie hört nicht auf sich zu drehen“, meint Jimmy Somerville. Tatsächlich ziehen sich die Euphorie, die Lebenslust und der Freiheitsdrang von Disco wie rote Fäden durch die Karriere dieser sympathischen schottischen Pop-Legende. Berühmt für seine erfolgreichen Neuinterpretationen von Disco-Klassikern der 70er, hat der charismatische „Smalltown Boy“, auch bekannt als Leadsänger von Bronski Beat oder The Communards, jetzt sein sechstes und vielleicht persönlichstes Album aufgenommen. „Homage“ ist sein liebevoller Tribut an Disco in zwölf ebenso authentischen wie neuen Stücken, geschrieben von Jimmy und seinem Produzenten John Winfield. „Ich wollte schon immer ein Disco-Album aufnehmen, habe mich bisher nur nicht so richtig getraut. Jetzt haben wir es geschafft und es ist ein wirklich brillantes Album geworden, um ehrlich zu sein“, meint Jimmy Somerville lachend. „Alle Einflüsse, all die Musik, die ich seit meinen Teenagerjahren gehört habe, stecken in dieser Produktion. Wenn ich es mir anhöre, fühle ich mich wie damals, als ich fünfzehn war und auf meinem Bett saß, eine neue Platte aus der Hülle zog, sie auf den Plattenspieler legte und dann tanzend durch mein Kinderzimmer sprang und mir vorstellte, mir hätte gerade jemand ein Tamburin zugeworfen. Ich wäre im Himmel: Die Bläser, die Streicher, der Bass, die Gitarren, die Drums, die Background-Vocals und die Melodie … die Realitätsflucht!“ Aufgenommen in London mit einigen der besten britischen Musiker und jeder Menge originaler Instrumente, gemischt in Hamburg und weltweit (Ex-UK) von der Plattenfirma Membran veröffentlicht, ist „Homage“ eine echte Herzensangelegenheit – für alle Beteiligten. „Jeder, der an dieser Produktion gearbeitet hat, steht voll dahinter, hat mich unterstützt und vor allem verstanden, worum es mir ging – keine Egos, kein Drama, keine Divas: nur echtes Verständnis und eine enge Verbindung zu dieser Musik.“ Nachdem 2014 bereits die Songs „Back To Me“ und „Travesty“ als Singles des Albums als „Vorgeschmack“ veröffentlicht wurden, zeichnen sich schon die ersten Erfolge ab. In den USA ist „Travesty“ bereits auf dem besten Wege ein Club-Hit zu werden – es gibt schon mehrere „Fan-Videos“ des Songs auf youtube und der legendäre „Club 54“-DJ Robbie Leslie hat aus lauter Bewunderung einen „extended mix“ des Songs gemacht. Jimmy Somerville war gleichermaßen politisch wie musikalisch motiviert als er in den frühen 80ern als Leadsänger von Bronski Beat auf den Plan trat – nachzusehen auch im aktuellen Film „Pride“. Bronski Beats internationaler Radio-Hit „Smalltown Boy“, noch dreißig Jahre nach seiner Veröffentlichung ein viel gehörter Ohrwurm, war nicht nur einer der ersten Pop-Hits, der Homophobie und Ausgrenzung thematisierte, sondern markierte auch das Debüt einer der außergewöhnlichsten Stimme unserer Zeit. Das dazugehörige Album „The Age of Consent” erreichte in vielen Ländern der Welt Platin-Status, schon bevor Jimmy 1985 die Band verließ. Im Jahr darauf gründete Jimmy The Communards, deren Single “Don’t Leave Me This Way” ebenfalls ein weltweiter Nummer-1-Hit wurde. Als Solo-Künstler veröffentlichte Jimmy Somerville, immer ein sehr vokaler und offener Fürsprecher der Gay Community, ab 1989 fünf  Alben, das letzte vor sechs Jahren. Berühmt für sein Talent, Disco-Klassiker auf sehr eigene Art und Weise neu zu erfinden – von „You Make Me Feel (Mighty Real)” über “Never Can Say Goodbye” und “Don’t Leave Me This Way” bis “I Feel Love” – ist “Homage” ein logischer Schritt in Jimmys Karriere. „Ich kann mein Glück noch immer nicht ganz fassen“, gestand Jimmy Somerville im Sommer 2014 bei einem Showcase am Rande des Reeperbahn Festivals in Hamburg. “Ich bin endlich eine Disco Diva – mit 53!“

Jimmy Somerville-PR zum Disco-Album „Homage“

The Very Best Of Jimmy Somerville, Bronski Beat And The Communards 2001

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